Lebenszeichen
Kama, ein Sanskrit-Wort, bedeutet Verlangen und Begehren, Sutra ist der Faden. Faden im Sinne einer Kette, einer fest gefügten Folge von Silben. Als eine Art Gedächtnisstütze fassen Sutren tradiertes Wissen zusammen. Entsprechend liefert das Kamasutra, einer der einflussreichsten Texte zur erotischen Liebe, aber auch zur Reglementierung der Partnerwahl, detaillierte Beschreibungen sexueller Praktiken. Nun klingen „die 64 Glück verheißenden Zeichen einer guten Liebhaberin“ für unser westliches Ohr wenig übersichtlich und Stellungen, die als Kreuzstich oder Waffeleisen übersetzt werden, nicht sehr sinnlich.
Wenn sich aber Birgit Rüberg des Themas annimmt, wird aus der komplizierten Liebesenzyklopädie eine heitere Comic-Fassung: Lakenstoffe in Hellblau und Nachtblau, andere gestreift oder zart mit Blumen bemustert, wölben sich wie sanfte Kissen aus der Wand. Darauf sind kleine gestickte Figuren, grob umrissen in dunklem Garn, scheinbar vielgliedrig und – vielleicht ob der anstrengenden Stellung – mit weit aufgerissenen Augen ineinander verschlungen.
Nicht von ungefähr war es diese humorvolle Interpretation des Kamasutra, mit der Birgit Rüberg vor einigen Jahren den Faden aufnahm zu einem umfangreichen Werk gestickter Arbeiten, die mit viel Witz und Sinn für Absurdes das Verhältnis der Geschlechter beleuchten.
Die Multimedia-Künstlerin stellt sich damit in unterschiedliche Traditionen, von denen die der typisch weiblichen Handarbeitstechnik als Teil weiblicher Erfahrungswelten nur eine ist.
Vor allem im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert entwickelte sich Handarbeit mit Nadel und Faden als nur dekorative, repräsentative Tätigkeit zu einem Symbol weiblicher Disziplinierung und Immobilität. Kopf, Hand und Herz sollten damit gefesselt, die Triebhaftigkeit bezwungen und die Selbstbeherrschung manifestiert werden. Schon unschickliches Gestikulieren war verpönt, an Kamasutra gar nicht zu denken (denn auch „Grübeln“ war unerwünscht). Gleichzeitig verweisen Rübergs Arbeiten „auf ein Brauchtum, zu dem bestickte Textilien als fester Bestandteil des Frauenlebens gehören. Das Werben und Sich-Paaren war geknüpft an Sticheleien, und vom Taufkleid bis zum Totenkissen wurde die Tauglichkeit einer Braut an Umfang und Zier ihrer Aussteuer bemessen.“
Birgit Rübergs kleine Braut, Motiv einer Bildergeschichte auf zwei Teilen eines Brautkleids, macht sich schon vor der Hochzeit davon: „Into White“, so der Titel der Arbeit, entflieht sie dem Eheversprechen, ins weiße Nichts.
Taschentücher mit ihrer Symbolik als Accessoire verschämter und sittsamer Tugendhaftigkeit sowie diskreter Kontaktaufnahme liefern den Bildgrund für mehrere Serien, in denen Rüberg jeweils eine vorgefundene textile Ästhetik aufgreift und durch eine gestickte Text-Bild-Intervention überlagert. Auf pastellfarben umhäkelten Taschentüchern entwickelt sich die Beziehungsgeschichte „Four Letter Word“, eine Spielerei um Auge und LOVE, um Liebäugeln und Aus-den-Augen-Verlieren, der die Künstlerin durch aufgebügeltes Bildmaterial und gestickte Sprichwort-Texte Farbe und Form verleiht.
Sechs weitere, in Goldstich verbundene Batisttaschentücher mit feinster Weißstickerei entfalten als „Requiem in Gold“ das Thema „Liebeskummer“. Eine in Goldfaden eingestickte Frauenfigur badet in einem Meer von Tränen oder verkriecht sich verzweifelt. Der erläuternde Text „zu Hause hocken und warten“ reflektiert die Ebene der Gefühle wie auch die Tätigkeit des Stickens: Die mit Handarbeiten verbrachte Zeit steht traditionell mit der Erfahrung von Langeweile und sinnlosem Warten darauf, dass „der Richtige kommt“, in Verbindung. „May be he became ill…“ entschuldigt eine weibliche Comic-Figur bei Roy Lichtenstein ihr vergebliches Warten auf ihn. Bei Birgit Rüberg ist das Problem ernster: Sie teilt das Phänomen der verwarteten Zeit durch den Zeitaufwand, den ihr die Technik des Stickens abverlangt – kommt allerdings als selbstbestimmte Künstlerin in den Genuss der meditativen Wirkung des Handarbeitens.
Auch „Ilse Bilse, keiner will ’se“, gestickt auf ein bunt bedrucktes Kindertaschentuch der Serie „Heul doch 2“, musste lange warten; dem Koch allerdings, den sie noch abkriegt, hat die Künstlerin ein Messer verpasst, das nichts Gutes verheißt. Es sind die lustig gereimten Ingredenzien der schwarzen Pädagik der 1950er-Jahre, die im Kontrast zu den fröhlich bunten
Motiven des Untergrundes ihre despotische oder makabre Bedeutung entfalten. Ob in Kinderversen oder Poesiealbumsprüchen – die Art, wie Frauen lieben (sittsam, bescheiden und rein) und erwarten, geliebt zu werden (er will mich, also bin ich), wird ihnen aus einer von Männern verfassten Erfahrungswelt diktiert.
Die Nähe der Motive zu Comicfiguren, zu den „Fall Guys“, die uns menschliche Unzulänglichkeiten und Schwächen vor Augen führen, charakterisieren die beschriebenen Arbeiten als unverwechselbare Rübergs. Die individuelle Stick-Ästhetik mit kleinen, nicht planbaren Fehlern und das Vorgefundene der Stick-Gründe untermauern die Ästhetik des Zufälligen, des Nicht-Perfekten. Nicht das Spektakuläre, sondern die Banalitäten des Alltags stehen im Vordergrund.
Die Textarbeiten offenbaren dagegen deutlicher ihre Affinität zu Schrift und Sprache als Bildmotiv und ihre Nähe zur Visuellen Poesie. Birgit Rüberg thematisiert darin weibliche Rollenmuster und Zuschreibungen durch die Verfremdung von Texten männlicher Künstler und Literaten. Das in buntem Garn auf eine Servierschürze gestickte „Ich ist eine andere“, das sich formal der Blümchenästhetik des Untergrunds anpasst, öffnet den Blick auf die Transformation der zur Bedienung degradierten Frau zur aktiven Künstlerin, die ihre Identität über die eigene Autorschaft gewinnt.
Mit den Werkzeugen der Unterdrückung – will man den traditionellen Umgang mit Nadel und Faden als solche bezeichnen – übersetzt sie in der Arbeit „Selbstgespräch“ die Formeln der Unterdrückung in eine Anklage. Indem die Künstlerin eine frauenfeindliche Kreuzstichschimpftirade nicht verschämt verhallen lässt, sondern manifestiert, entlarvt sie die Strategien der Unterdrückung und befreit sich davon. Ob Schlampe oder Tanga-Tussi, ob Mauerblümchen oder Wanderpokal – neu artikuliert in der Sphäre der Kunst und in der Sprache der Frauenarbeit werden auch drastische Beleidigungen zum Genuss.
Die Arbeit „Hemisphäre“ hat die biologistische Zuschreibung bestimmter Fähigkeiten als geschlechtertypisch im Visier. Auf zwei aufeinander befestigten Handtüchern zeigt Birgit Rüberg den rot gestickten Grundriss einer Wohnung, die sich auf den zweiten Blick als kafkaeskes Labyrinth aneinandergereihter Küchen erweist. Markant betonte Herdplatten und Spülen greifen am Rand eingewobene Muster eines Tuches auf. Sich wiederholende Karos und sich wiederholende Herdplatten erscheinen als Symbole monotonen weiblichen Tuns – ein Eindruck, den der eingestickte Text noch betont. Er transformiert Sätze von Max Frisch zur Architektur in den Bereich des (H)aushaltens. Statt Zement und Klinker als – so Frisch – „Vokabeln meiner Kalligrafie“ erscheinen bei Birgit Rüberg Silber und Porzellan als Elemente „meiner Hemisphäre“. Auch die Arbeiten „Mantra“, ein Figurengedicht auf blauem Trockentuch, dessen Text „My greatest fear is repetition“ in Schreibschrift ein Glas formt, und „Kleine Lebenshilfe“, die die Alternativen ja, nein und vielleicht als gestickte geometrische Figur zur Verfügung stellt, verquicken gekonnt Material, Inhalt und Form zu vielschichtiger Bedeutung.
Konzeptuell wie handwerklich bestechend sind die Arbeiten, die Birgit Rüberg mit der Nadel im Widerstand gegen die stereotype Wahrnehmung von Frauenrollen geschaffen hat. Stich für Stich, mit Witz, Ironie und Geduld, stellt sie die gesellschaftliche Repräsentation der Frau infrage. Sie steht damit zwar in der Tradition feministischer Künstlerinnen wie Miriam Shapiro oder Annette Messager, die in den 1970er-Jahren die zuvor als weiblich verpönten Handarbeitstechniken im Kontext der Modernen Kunst rekultivierten. Rübergs künstlerische Umsetzung einer Philosophie des Alltags erweist sich jedoch weniger als Strategie des Protests denn als humorvolle und somit versöhnliche Position. Die Nadel ist weniger Waffe denn magisches Objekt; sie transformiert Verletzungen, flickt und repariert Schäden.
Hervorragend veranschaulicht die Arbeit „When I’m Sixty-Four“ die soziale und kommunikative Komponente des Werks. 60 Personen schrieben für die Künstlerin den Satz „Behalt mich lieb“ auf Papier, der von ihr übertragen wurde – in der jeweiligen individuellen Handschrift und doch im Stickduktus egalisiert – auf Gummieinlagen in Rosa und Hellblau. Repräsentieren Servierschürze, Trockentuch oder Topflappen traditionell weibliche Sphären, so sind Latexeinlagen authentische Belege für den hilflosen, auf Pflege angewiesenen Köper, gleich welchen Geschlechts. Sie bergen Menschen, ob sehr jung oder alt, die angewiesen sind auf Liebe und Zuwendung. Auf geradezu paradoxe Weise materialgerecht ist es, das Themenspektrum Altern, Pflege und Liebe mit der Nadel in Gummi zu übertragen. Stellvertretend für Menschen – es sind vor allem Frauen –, die pflegend tätig sind, begibt sich die Künstlerin in eine Haltung der Hingabe. Sticken in Latex heißt Schwerstarbeit, denn das Gummi umklammert die Nadel erbarmungslos bei jedem Stich. Auch in dieser Arbeit zeigt Birgit Rüberg meisterlich, dass sie komplexe Bedeutungsebenen, von denen der alphabetische Code der eingestickten Worte nur eine ist, im Sinne des Wortes zu durchdringen versteht.
Es gehört wie natürlich zur uralten grafischen Sprache der Stickerei, dass Texte den Bildteil ergänzen. „Adam“ und „Eva“ steht erklärend über dem Motiv der Erschaffung Evas aus einer Rippe des Mannes, das einen mittelalterlichen Prunkmantel ziert. „Tränen bezeugen, wie die unterdrückte Flamme lebt“, stickte Maria Stuart in Gefangenschaft ihre Gefühle auf ein Tuch, und „Glaube Liebe Hoffnung“ war die bevorzugte Parole auf den Mustertüchern des Biedermeier.
Wenn Birgit Rüberg Leonardo da Vincis „Abendmahl“ auf eine Serviette stichelt und an das Werk eine Oblate hängt, auf die sie „go-live“ stickt, zeigt sie sich einmal mehr als vorwärtsgewandte Wahrerin der Tradition. „Go live“ steht für die Inbetriebnahme neuer Systeme im IT-Bereich und markiert gleichsam den thematischen Bogen, den Birgit Rübergs Arbeiten umfasst: das ganze Leben.
Margret Baumann, Juli 2007
Katalog Museum Zündorfer Wehrturm